21.00 Uhr: Herzlich willkommen zu einer absoluten Premiere auf tourdemo.de! Ich muss heute Abend nämlich den Grand Prix schauen, und da hab ich mir gedacht, da hier so lange schon nichts mehr los war auf dem alten abgetragenen Blog, probier ich doch gleich mal live von meiner bequemen Couch mitzubloggen. Und überall meinen Senf dazugeben.
21.11 Uhr: Der erste Beitrag stammt aus Aserbaidschan, ein Land, dessen Namen ich auf Anhieb nicht mal schreiben kann. Die Sängerin ist ähnlich hübsch und püppchenhaft wie unsere Lena, zum Glück aber nicht so sympathisch, sonst könnte das fast eng werden. Ansonsten: Leuchtkleid, Windmaschine, alles was geht eben. War zu erwarten.
21.14 Uhr: Der lockige Freund aus Spanien schafft es, durch eine nette Bühnenshow fast davon abzulenken, wie langweilig sein Song ist. Das ist doch auch schon mal was, und außerdem sind in Norwegen sogar die Flitzer modisch angezogen. Welch ein Glück!
21.19 Uhr: Norwegen selber hat vermutlich keinen Bock, die Show zwei Mal in Folge ausrichten zu müssen. Deshalb eine total belanglose Ballade, die klingt wie aus dem Soundtrack zu „König der Löwen“…
21.22 Uhr: Der Act aus Moldawien beeindruckt mit einer leuchtenden Geige (positiv) und mit einer trashigen Disco-Nummer (negativ). Alors on dance auf, äh, moldawisch? Kein weiterer Kommentar.
21.24 Uhr: Nebenbei – alle Länder werden mit einer Umrisskarte eingeführt, ganz schön schwer. Oder kann hier jemand Moldawien von Zypern unterscheiden? Ich nicht.
21.27 Uhr: In Zypern singen alle, und der Sänger hat sein Mikro von vorne auf die Gitarre getapet. Ansonsten ist das Lied ganz in Ordnung und nervt nicht so sehr. Mehr aber auch nicht. In zwei Acts hab ich es wieder vergessen. Radiopop halt.
21.29 Uhr: Ich find es übrigens ziemlich blöd, dass man von Anfang an schon für seine Favoriten anrufen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass ich bin dato noch für keinen angerufen hätte, bevorzugt das die vorderen Startnummern doch ganz schön. Ordentliche Musik aus Bosnien-Herzegowina, quasi Nickelback vom Balkan. Sehr beruhigend, dass ein Beitrag vom Balkan sowohl ohne Ethno-Tröten als auch ohne Disco-Trash auskommt!
21.33 Uhr: Schon wieder eine Ballade, diesmal aus Belgien. Wer meine Meinung über Belgien kennt, wird erstaunt sein, dass dieses Lied bei mir so gut wegkommt. Der Sänger ist zwar ein sehr braver Klon von Zac Efron, aber musikalisch hat er was drauf, und das hört sich tatsächlich ganz nett an. Ein bißchen wie eine männliche Tracy Chapman oder ein männlicher James Blunt. Der kommt unter die ersten fünf, sag ich mal so.
21.39 Uhr: Alles, was der bosnische Beitrag gut gemacht hat, hat Serbien grad versaut – eine Mischung aus Tuba-Polka-Ethno-Getröte und Bumm-Bumm-Disco, kombiniert mit einem blondierten Alien am Mikro und fünf Plastik-Duschkabinen für die Tänzer. Kein weiterer Kommentar.
21.43 Uhr: Unsere mieser Internet-Verbindung regt mich auf. A propos Netzzensur, grad ist Weißrussland am Singen, die letzte funktionierende Diktatur in Europa. Klingt nach Weihnachtslied ohne Klöckchenklingen.
21.44 Uhr: Oh. Die Damen auf der Bühne haben grad Flügel ausgefahren. Was als Weihnachtslied angefangen hat, endet als Albtraum. Oder so.
21.47 Uhr: Irland bemüht sich redlich, alle Klischees zu erfüllen. Hat funktioniert. Wenigstens ist das Lied eingängig, ohne penetrant zu sein. Das muss bei dieser Veranstaltung schon als kleiner Erfolg gewertet werden.
21.52 Uhr: In Griechenland sprühen sogar die Trommeln Funken. Das Lied klingt, als könnte man es auch mit extra Feta bestellen, wir sacken auf unserer Couch zusammen und wünschen uns Irland zurück. Die Krise hat wohl vom finanziellen auf den musikalischen Bereich übergegriffen. Uoppa!
21.54 Uhr: Fast alle Beiträge erfüllen hier das gleiche Schema – ein Sänger, drei Hintergrundträllertanten, zwei crazy hüpfende Tänzer. Aber keiner wirkt dabei so vergeblich bemüht wie der aus Großbritannien. Für jeden schiefen Ton eine norwegische Krone, und Griechenland wäre gerettet! Das ist ja einfach nur grauenhaft! Und das aus dem Land von Beatles, Queen, Morrissey und so vielen anderen guten Musikern.
22.01 Uhr: Da ist der Beitrag aus Georgien fast eine Erholung. Optisch ein Aserbaidschan-Klon, aber das Lied ist ganz gut gesetzt und zumindest nicht so schief wie das englische. Aber dafür anrufen würde ich auch im Leben nicht, vielleicht bin ich auch wirklich nicht das Zielpublikum…
22.05 Uhr: Ich bin übrigens sehr beeindruckt, wie schnell die den Umbau auf der Bühne schaffen. So viel Kram muss da drauf geschafft werden, und das in ein paar Sekunden. Echt spitze. Der Beitrag der Türkei ist übrigens auch gar nicht schlecht. Ich bin positiv überrascht, die Türken sind bisher meines Wissens beim Grand Prix auch eher durch gräßliche Folklore aufgefallen.
22.08 Uhr: Albanien schickt uns eine Disco-Nummer, gesungen von Madonnas albanischer Schwester, mit einem verrückten Wurmschwanz-Professor an der Geige. Auf eine nette Art bescheuert, aber ich bin doch auch ganz froh, wenn’s wieder vorbei ist…
22.11 Uhr: Was ist das? Boxbahn-Synthesizer, eine Wuchtbrumme in einem purpurroten Kleid, wild zuckende Scheinwerfer? Ach, der Beitrag aus Island. Was hätte man auch sonst schicken sollen? “Du bist so heiß wie ein Vulkan”? Das passt zu den Figuren der Sängerinnen ja eher weniger!
22.12 Uhr: Windmaschine, Kamerafahrten. Genau wie erwartet. Und tatsächlich waren bisher ein paar grauenvolle Lieder dabei, aber tatsächlich alle auf andere Weise grauenvoll. Das ist ja auch schon mal eine Leistung.
22.15 Uhr: Ich muss dem Thomas übrigens auch noch in einem anderen Punkt recht geben, der Kommentator kann echt wenig. Der muss ja nur alle drei Minuten mal einen Satz sagen und hat sich trotzdem schon zehn mal verhaspelt.
22.16 Uhr: Während ich das schreibe, wird auf der Bühne grad die Vampirin aus der Ukraine fast von der Windmaschine davon geblasen. Man hört ja nur die hohen Töne, die aber dafür besonders deutlich. Ich weiß ja nicht, ob es ein hochdeutsches Wort dafür gibt, auf saarländisch nennt man das “gääksen”.
22.20 Uhr: Wenn man Großbritannien und Irland einmal beiseite lässt, ist nach Spanien Frankreich erst das zweite Land, das in Landessprache singt. Wenn man meine sonst auch eher positive Einstellung zu diesem Land kennt, wundert es wahrscheinlich nicht, dass mir ihr Beitrag Spaß macht. Maccarena trifft Blue Men Group trifft Stromae trifft die Venga Boys. Seicht und vermutlich nicht ernst gemeint, aber ein guter Ohrwurm mit Sommerhit-Potential und ein Anwärter auf die Top 5.
22.23 Uhr: Der Flügel aus Rumänien begeistert mich aber auch grad – Klaviaturen an beiden Seiten, aus Plexiglas und blinkend. Der Rest vom Lied klingt nach Lady Gaga mit ein bißchen “Barbie Girl” und einer Prise “Phantom der Oper”, und die Backgroundsängerinnen haben irgendwelche voluminösen schwarzen Federsäcke an ihren Hintern baumeln.
22.28 Uhr: Textlich war Rumänien ja nicht so der Bringer. Russland aber auch nicht. Ansonsten ist ihr Beitrag ganz okay, auf der Bühne schneit es ein bißchen, die Band macht “whoho”, und alles ist total nett und unscheinbar. Mittelfeld, allenfalls, dabei aber eigentlich gar nicht so schlecht.
22.30 Uhr: Der “Green Room” ist ja gar nicht grün. Schade.
22.31 Uhr: Der Spanier tut mir übrigens echt leid. Die haben ganz gut performt, bis der Kerl auf die Bühne gesprungen ist und alle aus dem Konzept gebracht hat.
22.32 Uhr: Aktuell auf der Bühne sind ein Opa mit Flöte, Peter Pan, eine gigantische Aprikose, wieder ne ganze Stange dicker Backgroundsängerinnen (die umgezogenen Isländerinnen vielleicht?) und eine Sängerin im aprikosenfarbenen Korsett, eine Mischung aus Folklore und Kabinenshow. Armenien ist das, ich dachte die wären schon dran gewesen? Ach nee, das war ja Aserbaidschan. Verwirrend, das alles.
22.35 Uhr: Bevor gleich Deutschland dran ist, darf ich noch mal dran erinnern, dass ich um 21.27 Uhr angekündigt hatte, das zyprische Lied gleich wieder zu vergessen. Das ist genau so eingetreten.
22.38 Uhr: Lena überzeugt, nicht nur mich, sondern auch das Publikum. Zumindest ist sie die erste, die gleich mehrfach Szenenapplaus bekommt. Hat Deutschland diesmal tatsächlich Chancen? Immerhin sehr charmant das alles. Man muss als Deutscher ja schon froh sein, sich beim Grand-Prix-Schauen nicht schämen zu müssen.
22.45 Uhr: Portugal soll ganz gut, aber jetzt auch nicht furios gewesen sein, wird mir berichtet. Ich hab ja nur die Frau auf die Bühne kommen sehen, mir gedacht “die hatten wir doch heute schon drei Mal”, und bin was zu trinken holen gegangen. Dafür ist der Kerl aus Israel ganz gut. Der singt sich hier grad auf hebräischisch die Seele aus dem Leib und macht seine Sache auch ganz gut, wenn man den einen sehr langen sehr falschen Ton mal vergisst. Zumindest in seiner Sprache und ohne Zirkusshow im Hintergrund.
22.49 Uhr: Die beiden auf der Bühne sind bestimmt der als Däne verkleidete Lutz Leimpeters und die gleiche Frau, die vorhin auch schon für vier andere Länder gesungen hat, zuletzt Portugal. Dafür hat Dänemark ne witzige Schattenwand und klaut so schamlos bei Abba, das es fast schon wieder lustig ist.
22.54 Uhr: Während grad der spanische Beitrag zum zweiten Mal zu Ende geht, diesmal ohne Störung, kann ich ja mal tippen. Ich liebe Schnelldurchläufe. Also, gute Chancen auf die Top Five haben Aserbaidschan, Spanien, Belgien, Serbien, Frankreich, Armenien und Deutschland.
23.12 Uhr: Unverdient weit unten landen wird Russland, unverdient weit oben Serbien. Ich selber drück ja neben Deutschland dem Belgier die Daumen, schweren Herzens, aber den fand ich echt überzeugend. Aber gewinnen wird Spanien. Zweiter Frankreich, dann Belgien, dann Serbien. Deutschland wird fünfter. Und Großbritannien letzter, so hübsch meine Couch-Partnerin den Sänger auch fand. Was war eigentlich mit Österreich? Gibt es die nicht mehr?
23.15 Uhr: Der Tanz-Pausenfüller ist ja sogar ganz witzig gemacht. Aber halt trotzdem ein Pausenfüller.
23.26 Uhr: Sind die Rumänen und die Iren taub? Dänemark war doch gräßlich, und die bekommen 12 Punkte?
23.30 Uhr: Deutschland mag Belgien, das ist ja schon mal ganz nett. Deutschland selber bekommt auch einige Punkte, das ist noch netter. Aber mit Spanien hab ich mich wohl total vertippt, und mit Griechenland hätte ich nicht gerechnet, die fand ich gräßlich, und die sind grad auf dem dritten Platz???
23.34 Uhr: Wir sind vorne! Unglaublich! Lena hat jetzt schon mehr Punkte als alle Deutschen in den letzten fünf Jahren zusammen!
0.14 Uhr: Das hätte ich ja nie für möglich gehalten, dass ich den nächsten deutschen Grand-Prix-Sieg überhaupt noch miterleben werden, aber es ist vollbracht: Lena hat mit einem überwältigenden Vorsprung gewonnen!
Ich war auch grad sehr gefesselt vom Voting, das ist mir noch nie vorgekommen. Hätte ich ja niemals für möglich gehalten. Yeahyeahyeah!
0.15 Uhr: Ach so, ich hab auch fast richtig getippt. Spanien hat, äh, auch ein paar Punkte bekommen. Oh Mann, hab ich mich vertippt. Das beweist halt doch nochmal, dass ich vielleicht doch nicht so ganz richtig für den Grand Prix geschaffen bin…
0.27 Uhr: Ich trink jetzt noch einen und dann ab ins Bett. Gute Nacht schon mal.
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